GynäkologIn

Zusammenhang Scheide & Blase

Bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten lohnt es sich, die (weiblichen) Geschlechtsorgane einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Nicht umsonst spricht man vom Urogenitaltrakt, welcher sowohl die Harnorgane als auch die Genitalien zusammenfasst. Die Harn- und Geschlechtsorgane haben zwar unterschiedliche Aufgaben, werden aber aufgrund ihrer gemeinsamen embryologischen Entwicklung und ihrer engen funktionellen und topografischen Beziehung zusammen betrachtet. Erkankungen des einen Systems können rasch auf das andere System übergreifen.

Da so gut wie jede Frau regelmäßig zur Routinekontrolle bei einem Gynäkologen/Gynäkologin ist, braucht "Frau" zumindest keine Angst vor dem Unbekannten haben, so wie es vor einem Erstbesuch eines Urologen/Urologin meist der Fall ist.

Sexually Transmittes Diseases (STDs)

Insbesondere Harnröhrenbeschwerden ohne Nachweis eines bakteriellen Harnwegsinfekts können auf sexuell übertragbare Krankheiten hinweisen.

Mehr zum Thema STDs findest du in meinem Artikel Partner-Check.

Wann ist die Scheide gesund?

Im Scheidenmilieu gibt es gute Bakterien wie die Laktobazillen und schlechte Bakterien oder Pilze. Eine gesunde Vaginalflora ist zu 95% mit Laktobazillen (Milchsäurebakterien) besiedelt, hat keinen starken Ausfluss und ist geruchsneutral. Entscheidend für das gesunde Mikrobiom der Scheide sind die Laktobazillen, die eine Vielzahl von Abwehraufgaben gegen eine bakterielle Infektion erfüllen.

Held Nr. 1 - Laktobazillen

Die Laktobazillen helfen 3-fach bei der Infektabwehr durch

  • Säurebildung (pH-Wert von 3,8 - 4,4)
  • Bildung lokaler Abwehrstoffe
  • Ausschüttung von Wasserstoffperoxid (H2O2)

Milchsäure ist für das sauere Milieu verantwortlich, ein wichtiger Faktor bei der Bekämpfung krank machender Fremdkeime.

Die von den Laktobazillen gebildeten Hemmstoffe sind so etwas wie körpereigenen Antibiotika. Sie verhindern das Anheften von Fremdbakterien am Vaginalepithel.

Das Wasserstoffperoxid (H2O2) ist die chemische Wunderwaffe, so etwas wie körpereigenes Desinfektionsmittel, weil sie durch die ätzende Wirkung krank machende Erreger auflösen kann.

Held Nr. 2 - Östrogen

Das Sexualhormon Östrogen ist auch so ein Held. Östrogene ...

  • bewirken an der Schleimhaut der Harnröhre einen mehrfach schützenden Effekt (Schutzeiweiß) gegen Entzündungen.
  • steigern die Produktion körpereigener Proteine, die Bakterien bekämpfen können.
  • sorgen für einen ausreichenen Nährboden (Glykogen) zur Bildung der so wichtigen Laktobazillen der Scheide.
  • beeinflussen die Gewebefestigkeit und die Durchblutung von Schleimhäuten der Scheide und Harnwege.

Die feindlichen Gegenspieler

Da wir nun wissen, dass Laktobazillen und Östrogene unsere wichtigesten Helferlein im Abwehr von Infektionen sind, stellt sich nun die Frage: Was um Himmels Willen bringt dieses Gleichgewicht in Gefahr?

Mangel an Laktobazillen durch

  • Bakterielle Vaginose (Scheideninfektion)
  • Antibiose

Östrogenmangel durch

  • (Post)-Menopause
  • Moderne, niedrig dosierte Pillen, die zu viel Östrogen unterdrücken

Welchen Mangel behebt man zuerst?

Das lässt sich ganz logisch und einfach mit einem Vergleich erklären: Wenn eine Pflanze nicht wachsen will, dann muss man den "Nährboden" zuerst in Ordnung bringen.

D.h. bevor man einen Mangel an Laktobazillen durch zusätzliche Verabreichung von Laktobazillen ausgleicht, sollte zuerst folgendes entweder ausgeschlossen oder behandelt werden.

  • Bakterielle Vaginose
  • Östrogenmangel

Blasenentzündung: Gynäkologe / Gynäkologin ist die zweite Adresse

Bakterielle Vaginose

Wenn die bakterielle Besiedelung der Vagina in einem Ungleichgewicht ist, spricht man von bakterieller Vaginose bzw. Scheidenentzündung. Durch einen Mangel an Laktobazillen überwuchern "schlechte" Bakterien und das Scheidenmilieu leidet unter einer mikrobiologischen Störung.

Ist die Scheide erkrankt, ist auch das Risiko aufsteigender Blasenentzündungen erhöht. Wie also erkennt dein Gyn, dass du eine Scheideninfektion hast?

  • Symptom Juckreiz und Brennen
  • Vermehrter Ausfluss, der fischartig riecht
  • Das Mikroskop zeigt viele Bakterien auf den Scheidenzellen (clue cells) sehen
  • Der gemessene pH-Wert ist nicht mehr sauer (über 4,5)

Im Regelfall wird mit einer antibiotische Lokalbehandlung, z.B. mit Metronidazol (z.B. Clont® Vaginaltabletten) oder Clindamycin (z.B. Sobelin® Vaginalcreme), therapiert.

Auch Pilze können vaginale Infektionen verursachen (Vaginalmykose). Nach einer mikroskopischen und kulturellen Diagntik wird hier ebenfalls spezifisch therapiert (Antimykose).

Unterstützend solltest du deine Scheidenflora mit Laktobazillen anreichern. Behandlungsvorschlag nach Professor Mendling (führender Gyn bei der Behandlung von Scheideninfektionen):

  • Behandlungsdauer: 6-12 Wochen
  • Phase 1: Insgesamt 10-14 Vaginalzäpfchen alle 1-2 Tage vor dem Schlafengehen
  • Phase 2: 2x pro Woche ein Vaginalzäpfchen

Ein Bakterium - Gardnerella vaginalis - verdient sich wegen dem Zusammenhang mit der Blase extra Aufmerksamkeit. Diesen Keim findet man bei vielen Frauen in der Vagina. In der Scheide verursacht er erst dann ein Problem, wenn er Überhand nimmt.

In der Blase kann er aber schon viel früher Schaden anrichten. Der Weg in die Blase erfolgt meistens über Geschlechtsverkehr, wo die Baketerien aus dem Scheidensekret in die Harnröhre "einmassiert" werden. Ist er erstmal in der Blase, löst er die Verstecke von in der Blasenwand eingebetteten Bakterien auf und führt so zu einer rezidivierenden Blasenentzündung.

Mehr Infos findest du in meinem Artikel Scheidenflora.

Antibiose

Die meisten antibiotioschen Behandlungen töten nicht nur die "schlechten", sondern sehr oft auch die "guten" Bakterien. Auch dann, wenn das AB nicht zur Behandlung einer bakteriellen Vagionose eingenommen wird.

Begleitend bzw. spätestens nach einer antibiotioschen Behandlung sollte die Scheidenflora wieder aufgebaut werden, siehe Behandlungsvorschlag von Professor Mendling oben.

Östrogenmangel

Ein Östrogenmangel in der Scheide lässt sich relativ einfach diagnostizieren:

  • Empfindliche & gerötete Haut in der Scheide
  • Trockene Scheide
  • Hoher pH-Wert (über 4,5)
  • Verminderte Zellerneuerung der Scheidenschleimhaut (weniger als 15% oberflächliche Zellen im Mikroskop sichtbar)

Wird ein lokaler Mangel festgestellt, so lässt sich dieser relativ einfach durch den Ersatz von Östrogenen mit Cremes (z.B. Ovestin®), Zäpfchen, Vaginalring in der Scheide beheben. Unerwünschte Nebenwirkungen treten bei 6-20% der Frauen in Form einer lokalen Irritation auf.

Wenn der Mangel durch die Pille hervorgerufen wird, sollte man über den Wechsel der Pille nachdenken, oder ebenfalls zusätzlich Östrogen lokal substituieren.

Östrogenersatz

Gut zu wissen: Auch bei einer länger zurückliegenden Brustkrebsvorgeschichte ist eine lokale Ersatztherapie mit Östrogenen kein messbares Risiko. Präparate mit ultraniedrig dosiertem Estriol führen zu keinem messbaren Anstieg von Östrogen im Blut.

Interessant: Östrogenersatz hilft auch bei einer überaktiven Blase (Reizblase), einer undichten Blase (Belastungsinkontinenz) und generell bei Senkungsbeschwerden.

Noch mehr zum Thema findest du in meinem Artikel Hormone - Geheime Boten.

Bewiesenes und Unbewiesenes

Östrogenersatz bei Mangel:
Große Untersuchungen haben gezeigt, dass die lokale Anwendung von Östrogenen mit 0,5mg / Tag die Rate an Harnwegsinfektionen reduziert.

Östrogenersatz ohne Mangel:
Eine kleine Fallserie mit 30 jungen Frauen, welche alle ein orales Verhütungsmittel (Pille) einnahmen und an rezidivierenden Blasenentzündungen litten (ohne einem nachgewiesenen Östrogenmangel), kam zu dem Ergebnis: Nach einer 4-wöchigen, lokalen Östrogengabe hatten 80% der Frauen in den darauffolgenden 11 Monaten keinen Rückfall.

Laktobazillen zur Vorbeugung von HWI:
Auch wenn eine Cochrane-Metaanalyse nach der Meta-Auswertung von 9 Studien zu dem Schluss kam, dass Laktobazillen im Vergleich zu Placebos keinen (statistisch) signifikaten Vorteil zum Schutz vor Blasenentzündungen ergab, gibt es zumindest eine Einzelstudie, die zu einer Halbierung der Rate von Harnwegsinfektionen kam.
Viele Erfahrungsberichte im Netz bestätigen ebenfalls den positiven Effekt der Laktobazillen.

Laktobazillen nach Pilzinfektion:
Die Behauptung, dass Milchsäurebakterien das Wachstum von Candida albicans fördern, ist durch keine Studie belegt. Im Gegenteil, einzelne Stämme können auch das Wachstum von Candida hemmen.

Pille & HWI:
Es gibt im Netz viele Berichte von Frauen, bei denen sich eine Besserung der Harnwegsinfekte nach Absetzen der Pille eingestellt hat.

Progesteron:
Das Hormon Progesteron wirkt entspannend und weitet in Folge dessen die Harnwege. Bewiesen ist, dass dadurch Bakterien viel leichter eindringen können und somit eine Infektion begünstigen.
In letzter Zeit stoßt man aber auch vermehrt auf Berichte im Netz, die davon sprechen, dass ein Progesteronmangel (und eine Östrogendominanz) ebenfalls zu Beschwerden führen kann. Betroffene von rezidivierenden Blasenentzündungen substituieren deswegen manchmal auch Progesteron, wenn ein Mangel festgestellt wurde. Das relative Verhältnis von Östrogen zu Progesteron ist dabei entscheidend.

Senkungsbeschwerden

Überdehntes Scheidengewebe, schlaffer Bandapparat unter der Harnröhre, Blasensenkung, Gebärmuttersenkung können HWI begünstigen oder Symptome wie bei einer Blasenentzündung auslösen.

Der ständige Drang aufs Klo zu müssen, auch bei geringer Harnmenge. Diese Symptome kommen auch bei einer überaktive Blase und einer undichten Blase (Inkontinenz) vor.

Das Scheidengewebe kann im Alter oder nach einer Geburt so überdehnt sein, dass es der Harnröhre an Stabilität fehlt. Auch die Blase kann sich in die vordere Scheidenwand absenken, was ebenfalls zu Entleerungsstörungen führen kann.

Hier wird in erster Linie Beckenbodentraining (dazu gibt's einen extra Artikel von mir: Beckenboden empfohlen.

Unterstützend kann man auch ein (Ring-)Pessar in die Scheide einsetzen, welches die Blase/Harnröhre quasi wieder an den richtigen Ort "drückt".

Auch bestimmte Medikamente können den Muskeltonus verbessern. Zu guter Letzt kann man auch noch über operative Eingriffe nachdenken.